Hamburger Premiere im 960-Schach
Autor: Alf-Thomas Epstein
Jörg Rahn gegen Frank Lamprecht. Foto: Klaus-Jürgen Herlan
Zur 1. Offenen Hamburger Meisterschaft im 960 Schach fanden sich Teilnehmende aus verschiedenen Vereinen, diversen deutschen Regionen, sogar mehreren Staaten, mit unterschiedlicher Spielstärke vom IM bis hin zu Zahlenlosen und verschiedenem Alter von jungen Schülern bis zu Rentnern ein. Es zeigte sich mal wieder, dass Schach ein inklusiver Sport ist. Allerdings war das Turnier leider männlich dominiert; es gab nur eine Teilnehmerin. 19 Teilnehmende von Hamburger Vereinen hatten sich unter den 26 Spieler*innen eingefunden, die das Turnier durchspielten – so dass zusammengesetzt unser Gründungsjahr 1926 von den Teilnehmenden sehr schön repräsentiert wurde. Der Barmbeker SK selbst, der zum Jubiläum der Gründung vor 100 Jahren gemeinsam mit dem Hamburger Schachverband dieses Turnier veranstaltete, war leider nur mit vier Spielern angetreten, die zunächst fast alle an den ersten vier Brettern spielten, dann aber zum Teil etwas zurückfielen.
Alle Teilnehmenden fanden sich auch bei dieser Jubiläumsveranstaltung auf altem Barmbe(c)ker Gebiet ein. Bei der Eingemeindung in Hamburg waren die heutigen drei Stadtteile Barmbek-Nord, Barmbek-Süd und der Dulsberg einfach gemeinsam „Barmbeck“.
Die Anwesenden hatten erkennbar Spaß, nicht gegen langwierig vorbereitete und auswendig gelernte Varianten zu spielen, sondern die Ausgangsstellungen selbst direkt am Brett zu analysieren. Dabei wurde im Vergleich zu der uns vertrauten Ausgangsstellung erstaunlich oft zu 1. b4 gegriffen, was in unserem Verein nur André häufiger spielt. Dieser Eröffnungszug war insbesondere zu sehen, wenn Damen oder Läufer auf a1 standen. Dann kam sogar vereinzelt die extravagante Eröffnung 1. b4 b5 zum Einsatz. Keine Ahnung, ob wir das jetzt als Barmbeker Eröffnung bezeichnen können.
Die Atmosphäre war sehr angenehm. Viele packten an, als zur 2. Runde die Verteilung der Spieltische aufgelockert wurde, um mehr Platz zu haben. Alle wirkten bei den Partien konzentriert und dabei doch nicht verbissen. Es gab keine Regeldispute – höchstens mal eine Beratung, wie die Rochade ausgeführt werden müsse. Die Begegnung am Spitzenbrett wurde von Peter Schneider betreut direkt ins Internet übertragen.
Die Begegnungen können hier nachgespielt oder auf lichess abgerufen werden:
(Dazu auf die 3 Punkte unter dem Diagramm klicken und "ANALYSEBRETT wählen)
Runde 1: Position 034 Lamprecht – Delion (0-1)
Runde 2: Position 582 Faika – Schell (0-1)
Runde 3: Position 745 Becker – Johannsen (0-1)
Runde 4: Position 668 Johannsen – Nguyen (remis)
Runde 5: Position 347 Nguyen – Rahn (0-1)
Runde 6: Position 689 Rahn – Lamprecht (0-1)
30. Tx3 Txd8 illegal move/position
Fortsetzung nach den beiden unmöglichen Halbzügen:
Runde 7: Position 151 Lamprecht – Schell (remis)
Den Turnierverlauf, die einzelnen Ergebnisse usw. sind in den von Peter Schneider intensiv aufbereiteten Tabellen zu finden. Das Turnier wurde in sieben Runden Schweizer System ausgetragen. Zwischen den Starts der einzelnen Runden lag immer ungefähr eine Stunde. Auch wenn das Catering etwas süßigkeitenlastig war, zeigten sich alle zufrieden, dass der Verband die Bezahlung der von Barmbek eingekauften Produkte übernahm und sie somit den Teilnehmenden kostenlos zur Verfügung stellte. Nicht nur dafür gebührt großer Dank dem Vorsitzenden des Hamburger Schachverbands Klaus-Jürgen Herlan. Er fungierte gleichzeitig als Schiedsrichter und Turnierleiter, der das Ganze freundlich und souverän durchführte.
Die Regelungen für das Turnier haben sich bewährt: Die Bedenkzeit von 15 Min. plus 10 Sekunden Inkrement, das Bekanntgeben der Stellungen akustisch und auf einem Demobrett, sofortiger Start nach Bekanntgabe der Stellungen, Ergebniszettel zum schriftlichen Eintragen, Vorhalten eines Druckers für die Ergebniszettel, der Zwischenstände und Tabellen… Nach der letzten Runde konnte sogar der Ergebnismeldezettel (auf einer Fensterbank) wiedergefunden werden, der in Runde 1 bei dem Austausch eines wackelnden Tischs gegen einen stabilen verlorengegangen war. In diesem einen Fall wurde die Ergebnismeldung auch ohne Zettel von Klaus-Jürgen akzeptiert. Er verlas am Ende des Turniers die Namen der ersten fünf und des besten Jugendlichen. Letzterer bekam vom Barmbeker SK einen Chessbase-Gutschein überreicht. Das Gesamtturnier gewann bei Punktgleichheit nach Feinwertung Jörg Rahn vor Frank Lamprecht und Helge Delion. Im direkten Vergleich gewann und verlor jeder jeweils eine Partie.
Gleich in der ersten Runde besiegte für die meisten überraschend Helge Delion den IM Frank Lamprecht. Frank hatte aber vorher schon geäußert, dass er wegen fehlender Spielpraxis ein wenig eingerostet sei und fand deshalb die Niederlage wohl weniger sensationell als die anderen Anwesenden. In der zweiten Runde konnte der spätere Turniersieger Jörg Rahn den IM-Besieger schlagen und damit nun selbst zum IM-Besiegerbesieger avancieren. Dass er in der 6. Runde als Spitzenreiter mit einem halben Punkt Vorsprung vor der Partie nun gegen eben diesen IM in einer spannenden Begegnung verlor, schien das Turnier zu entscheiden. Dass Jörg aber in der letzten Runde relativ schnell gewann, Franks Partie aber Remis endete, während noch diverse Partien liefen, führte dazu, dass je nach Ausgang der danach beendeten Partien laut Feinwertung mal Jörg, mal Frank Turniersieger war. Jörg war am Ende nach einer fantastischen Turnierleistung der etwas glücklichere, aber doch verdiente Sieger mit einem halben Feinwertungspunkt Vorsprung. Ganz herzlichen Glückwunsch zu der brillanten Leistung. Die freundliche Art, mit der Frank den 2. Platz hinnahm, war aber auch extrem positiv. In der 6. Runde in der direkten Begegnung der beiden kam es zu einer kuriosen Szene, die die beiden Kiebitze irritiert zurückließ und die eigentlich das Übertragungsbrett hätte explodieren lassen müssen. Frank gab dem auf e1 platzierten König ein Doppelschach mit einem Turm auf e8 und einem Läufer der von e5 kommend auf g3 einen Turm schlug. Jörg schlug den Läufer mit seinem zweiten auf der dritten Reihe stehenden Turm und ignorierte das Turmschach. Frank hob das Schach sofort auf, indem er auf d8 eine weiße Figur schlug – und den zweiten Kiebitz und mich fassungslos auf das Brett starren ließ. Wie konnte es sein, dass die beiden stärksten Spieler im Raum beide nicht sahen, dass es ein Doppelschach war?! Danach war wieder normales Schach zu sehen und nicht nur wegen des bei dem Doppelschach gewonnenen Materials konnte Frank die Partie nach Hause bringen. Die weitere Notation ist im Netz nicht zu sehen, weil das System einen unmöglichen Zug im 30. Zug meldet (eigentlich waren es ja zwei unmögliche Halbzüge direkt hintereinander) und die Wiedergabe der Partie an der Stelle abbricht.
Ich hatte zu pessimistisch Jörg nach der 5. Runde empfohlen, die Tabelle mit nach Hause zu nehmen, weil er dort an der Spitze direkt vor Frank lag. Nach der Niederlage in Runde 6 schien ich Recht zu haben. Aber nach dem Sieg in Runde 7 war natürlich die Endtabelle viel toller als eine Zwischentabelle aus der 6. Runde… Die von Peter mit 2259 berechnete Turnierleistung von Jörg rechtfertigt diesen Sieg allemal. Es gewann der Spieler das Turnier, der die Ausgangsstellung am intensivsten und längsten studierte und immer mindestens zwei Minuten für seinen ersten Zug verbrauchte.
Hoffentlich wird dieses Turnier in den nächsten Jahren fortgesetzt – dann vermutlich auch mit offiziellen Wertungszahlen. Den Anwesenden gefiel die Idee der Begründung einer Tradition im Hamburger 960 Schach. Herzlichen Dank an alle Teilnehmenden! Außerdem hoffen wir natürlich auch auf weiterhin gute Teilnahme bei den noch ausstehenden Jubiläumsveranstaltungen des Barmbeker SK